indienreise 2015 aktuell

Kashmir

Von Düsseldorf über Abu Dahbi erreichen wir, Godelieve und Piet Aben- Verheggen und Heribert Kamps (Mitglieder des Indien-Hilfswerks Heinsberg e.V.), als zweiten Zwischenstopp Neu Dehli.
Auf dem Flughafen in Dehli treffen wir mit S. Jayakumar zusammen, einem Freund aus den achtziger Jahren, der unseretwegen aus Chennai angereist ist, damit wir anstehende Probleme diskutieren und eventuell lösen können. Gemeinsam kommen wir in Srinagar, der Hauptstadt Kashmirs, an. Die Warnungen des Auswärtigen Amtes, das Land zu besuchen, sei riskant wegen möglicher terroristischer Übergriffe, lassen zu Beginn ein mulmiges Gefühl aufkommen, denn die große Präsenz des indischen Militärs verunsichert uns Besucher zunächst.

 

       George Johnson, der Koordinator des Life Help Centre for Child Care (LHC for CC), holt uns am Flughafen ab. Auf der Fahrt zum LHC for CC, der vom Indienhilfswerk (IHW) seit 2007 unterstützten Einrichtung für Kinder mit einer Behinderung, leuchtet uns ein Schild entgegen mit der Aufschrift:“ Kashmir the paradise on earth“.  Landschaftlich ist Kashmir geradezu paradiesisch. Kinder und Personal heißen uns nach achtundzwanzigstündiger Reise herzlich willkommen.               


Im September letzten Jahres hat eine Flut das Zentrum in große Mitleidenschaft gezogen. Die Schäden konnten bisher nur teilweise behoben werden. Da der Mietvertrag im November dieses Jahres ausläuft, muss eine neue Unterkunft gefunden werden. Zudem gilt es, ein lokales Gremium zu bilden, das bereit ist, die Verantwortung für die Schule zu übernehmen und das Budget mit zu finanzieren, denn die 18000 Euro, die das IHW jährlich aufbringt, reichen nicht. Einhellig bekundete man, alles versuchen zu wollen, damit diese Einrichtung auch in Zukunft weiterbestehen kann.
Beim Besuch der Sonntagsmesse in der einzigen christlichen Gemeinde in Kashmir begrüßt der Priester die Gottesdienstbesucher in einer kleinen provisorischen Halle. Nach der Messe spricht er uns an und zeigt uns die Kirche, die bei der Flut bis zum Dach unter Wasser gestanden hat. Dabei ist der Innenraum total verwüstet worden, so dass nichts mehr brauchbar ist. Wir versprechen, nach besten Kräften für Abhilfe zu sorgen, indem wir kirchliche Organisationen auf diesen Missstand ansprechen wollen. Erste Gespräche dazu wurden bereits geführt.

Es ist eine Freude, zu sehen, wie die behinderten Kinder mit den Lehrern, Therapeuten, Sozialarbeitern, Betreuern, dem Schulbusfahrer und dem Koch eine Gemeinschaft bilden, in der sich alle wohlfühlen. Da wäre es sehr bedauerlich, wenn die langjährige, erfolgreiche Arbeit nicht fortgesetzt werden könnte. George Johnson und S. Jayakumar sagen zu, alles erdenklich Mögliche zu tun, um den Erhalt des LHC for CC zu sichern.     

 



Wir drei vom IHW begeben uns auf eine 60 km lange Reise aufs Land nach Bandipora. Aarif, der Ehemann von Suraya, der langjährigen Leiterin des LHC for CC, holt uns ab und die Familie empfängt uns sehr herzlich. Schon beim Mittagessen sprechen wir über Surayas Vorhaben. Sie beabsichtigt, auf dem Land eine Einrichtung für Behinderte zu schaffen und hofft dabei auf die Hilfe des IHW. Ihre Pläne und ihr Finanzbudget wird sie sobald wie möglich dem IHW zusenden.


         Am Abend unterhalten wir uns mit Aarif über die politische Situation des Landes. Er möchte am liebsten in die Politik einsteigen, um für die Selbständigkeit und Freiheit von Kashmir einzustehen, weiß jedoch um die Gefährlichkeit seines Vorhabens. Wenn Indien dieses Land unabhängig werden ließe, würden andere Staaten Indiens das Gleiche anstreben. Zudem erhebt Pakistan Anspruch und Anrechte auf Kashmir, so dass  ständige politische Spannungen die Folge sind. Uns scheint, es braucht noch Generationen, ehe eine für alle akzeptable Lösung erreicht werden kann.                          

Zum Frühstück empfängt uns die Familie von Aarifs Schwester und entlässt uns reich beschenkt, um die Rückfahrt nach Srinagar anzutreten. Zurück im Zentrum schlägt schon bald die Stunde des Abschieds, denn wir wollen noch zwei weitere Projekte besuchen. Wir lassen die Sicherheitskontrollen am Flughafen über uns ergehen. Die anfänglich befürchteten Risiken wurden durch die uns behütende Gastfreundschaft minimiert und bestärken uns darin, anderen den Besuch Kashmirs zu empfehlen.




Satara


Von Srinagar fliegen wir in einer guten Stunde nach Neu Dehli, müssen uns dann aber für zwölf Stunden in einem Hotel einquartieren, ehe wir früh am Morgen nach Pune weiterfliegen können. Pater Sheiju holt uns gegen acht Uhr am Flughafen ab und bringt uns in einer dreistündigen Fahrt in die Stadt Satara, wo uns Pater Thomas, sowie Personal und Kinder des Asha Bhavan (Haus der Hoffnung) erwarten. In dieser Einrichtung werden Mädchen und Jungen (im Alter von 6 bis 16) mit einer Behinderung betreut, therapiert und beschult.
Nach dem Essen nehmen wir an einer kleinen Feier zur Verabschiedung von Pater Sheiju teil, der nach einem kurzen Urlaub die deutsche Sprache erlernen will, um dann im Herbst dieses Jahres eine deutsche Pfarrei zu übernehmen. Es ist augenfällig, wie sehr er geschätzt und geachtet wird.

Am Spätnachmittag fahren wir mit Pater Thomas zum 25 km entfernten Ashagram (Dorf der Hoffnung). Hier leben und arbeiten derzeit 54 junge, behinderte Männer im Alter von 18 bis 42 Jahren. Sie empfangen uns mit ihrer Blaskapelle, die von einem Tauben dirigiert wird. Es gibt ein großes Hallo und Wiedersehen und wir fühlen uns gleich wie zu  Hause.                                       
  Die Ruhe und der Frieden dieser Einrichtung übertragen sich sofort auf uns und wir genießen den wohl strukturierten Tag der Dorfbewohner. Der Tag beginnt mit einer freiwilligen Messfeier. Daran schließen sich Yogaübungen und das Frühstück an. Für die jungen Leute ist es selbstverständlich ihre Wäsche zu waschen. Wenig später geht jeder seiner Arbeit nach. Pater Gino und Pater Matthew, letzterer legt ein Sabbatjahr von seiner Pfarrei ein, um sich in der Arbeit mit Behinderten zu bewähren, ein Bruder und zwei Schwestern kümmern sich darum, dass alles seinen geregelten Gang nimmt. Die 13 Kühe und 12 Kälber müssen gefüttert, der Stall ausgemistet, die Ziegen begleitet, die 200 Hühner, 50 Enten, 20 Gänse und die acht Emus gefüttert werden. Die Felder des ca. 35 Hektar großen Geländes werden gepflügt und bestellt.
     

Zum Mittagessen finden sich alle in der großen Mensa ein.
Die Hitze, etwa 38° Celsius, verlangt ihren Tribut, will heißen, eine Ruhephase ist angesagt. Erst wenn es etwas kühler wird, gehen alle wieder an die ihnen zugeteilte Arbeit, ob sie nun Briefumschläge oder Schnellhefter anfertigen, ob sie ihre Räume reinigen, Zuckerrohr schneiden oder die Kühe melken, Eier oder Gemüse holen oder in der Küche behilflich sind, es gibt genug zu tun. Es ist wirklich eindrucksvoll, was sich seit unserem letzten Besuch 2013 getan hat. Selbst die Einrichtung in Satara wird von hier aus z.B. mit Eiern und Gemüse bestückt. Leider ist es bisher noch nicht möglich, Milch dorthin zu liefern, aber auch das ist zukünftig beabsichtigt.

Nach dem Abendessen führen uns die jungen Männer ihre Tänze vor, ehe sie dann schlafen gehen. Von den 54 Behinderten sind 39 Waisen, 15 haben eine Familie. Letztere fahren zwei Tage später für einen Monat in Urlaub nach Hause. Wir treffen einen Vater, der aus Mumbai angereist ist, um seinen Sohn abzuholen. Er hebt hervor, dass der Junge hier sicher und bestens aufgehoben ist. Den beiden steht eine achtstündige Busfahrt bevor. 

     
Wir schauen uns am nächsten Tag das Frauenhaus an, das in anderthalb Jahren errichtet und vom IHW bisher mit 25000 Euro finanziert wurde. Es wird ein Haus für zwanzig junge, behinderte Frauen, die in Zukunft von Schwestern betreut werden sollen. Das Haus wird voraussichtlich im Juli bezugsfertig sein, allerdings fehlen noch circa 15.000 Euro, um die restlichen baulichen Maßnahmen vornehmen und die notwendigen Einrichtungsgegenstände besorgen zu können. Wir versprechen im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen zu wollen.  
  Unsere Reise führt uns zur Hill-Station, dem Bel-Air Hospital, das sehr an das alte Klinikum in Aachen erinnert. Das Krankenhaus, das in Panchgini liegt, ist wie das Asha Bhavan und das Ashagram ein Projekt der Pram Prasad Organisation. Hier übernachten wir, denn so brauchen wir nur noch eine gute Stunde Fahrt, um früh am Morgen den Flughafen in Pune zu erreichen. Von hier fliegen wir über Dehli nach Bagdogra, wo wir ein weiteres Projekt besuchen wollen.



 
          
Bagdora
 
 
In Bagdogra erwartet Schwester Regina, derzeitige Provinziale ihres Ordens und frühere Chirurgin des Navjeevan- Hospitals, uns. Sie bringt uns in ein nahegelegenes Hotel, weil sie glaubt, nach dem Erdbeben in Nepal sei dies sicherer. In der Stadt Shiliguri ist ein Haus zusammengestürzt und hat zwei Todesopfer gefordert. Das Navjeevan (Leben) -Krankenhaus musste in den vergangenen Tagen dreimal evakuiert werden.

     Bei unserem Rundgang am Nachmittag fallen uns keine nennenswerten Schäden auf. Die beiden vom IHW finanzierten Gebäude sind in tadellosem Zustand. Dr. Regina zeigt uns auch das Röntgen- und Ultraschallgerät sowie die Bäckerei, die durch IHW Spendengelder angeschafft werden konnten. Viele der zweihundert Studenten erleben wir bei den Proben für den Campus Day. Aus der nahegelegenen und ebenfalls von den Schwestern betriebenen Schule strömen 2000 Schüler nach Hause. In einem etwa fünf Kilometer entfernten Schwesternhaus erfrischen wir uns und plaudern u.a. mit Pater Valerian de Sousa und Dr. Christopher Roy, einem bekannten Herzchirurgen aus Chennai, der nun im Navjeevan arbeitet.
 
     
Am Abend essen wir gemeinsam mit Schwester Regina, dem Pater und Dr. Roy. Etwas verspätet stößt Dr. Vishal dazu, der, nachdem er seine Ausbildung als Chirurg in Russland beendet hat, ins Hospital der Schwestern zurückgekehrt ist. Unter anderem sprechen wir über das Vorhaben der Schwester, ein Haus für körperbehinderte Kinder ins Leben zu rufen. Einen entsprechenden Projektvorschlag will Dr. Regina bis Ende des Monats dem IHW zukommen lassen.
Da am nächsten Tag gestreikt wird, weil kürzlich durchgeführte Wahlen als unfair angesehen werden, können wir erst am Nachmittag zu einem weiteren Schwesternhaus fahren. Hier organisiert eine Schwester innerhalb kürzester Zeit für uns die Besichtigung einer Teeplantage und einer Teefabrik. Wir erfahren, wie der Tee gepflückt, getrocknet und mehrfach bearbeitet und dann abgefüllt wird. Da wir so spät dran sind, können wir leider keine Kostprobe mehr nehmen.
     
Gegen zehn Uhr am nächsten Tag werden wir abgeholt und dürfen als Ehrengäste der Feier zum zwölfjährigen Geburtstag des Navjeevan-Hospitals beiwohnen. Das kulturelle Programm mit Liedern und Tänzen schlägt uns in seinen Bann und lässt unsere Herzen höher schlagen. In einer kurzen Ansprache hebt Heribert Kamps hervor, wie Schwester Regina im Jahr 2000 den Kontakt zum IHW geknüpft  und mit welcher Kraft und Energie sie in zwei Jahren den Bau vorangetrieben und zu Ende gebracht hat, schier unglaublich. Beim anschließenden Buffet wurden lebhaft Erinnerungen ausgetauscht.    
  Am Tag vor unserer Heimreise begeben wir uns auf eine abenteuerliche Reise nach Darjeeling, das 2185 m hoch im indischen Bundesstaat Westbengalen zwischen Nepal und Bhutan gelegen ist. Wir fahren zwar mit dem Auto, treffen dabei aber immer wieder auf die 600-mm-Schmalspur-Eisenbahn, die von Shiliguri nach Darjeeling zur höchstgelegenen Bahnstation Asiens führt. Auf dem Weg besuchen wir ein großes tibetisches Kloster, in dem uns die Mönche willkommen heißen.

Später erleben wir im Zoo von Darjeeling die heimischen Wildtiere. Auf dem Marktplatz sammeln hilfsbereite Menschen Kleidung und Geld für die Erdbebenopfer in Nepal. Auf der Rückfahrt schauen wir wie zuvor auf der Hinreise des Öfteren in den Abgrund, wenn wir auf den schmalen Serpentinen Gegenverkehr haben. Wohlbehalten erreichen wir Bagdogra, von wo aus wir am nächsten Tag die Heimreise antreten.