indienaufenthalt Anke Jansen 2005

Fünfmonatiges Praktikum im LHC (Anke Jansen, Grundschullehrerin)

Angeregt durch Seminare zum Thema "Interkultureller Musikunterricht" wuchs während meines Studiums in mir der Wunsch in eine andere Kultur einzutauchen. Außerdem fühlte ich mich als "Regelpädagogin" immer wieder zur Sonderpädagogik hingezogen und besuchte Seminare in Kooperation mit der Heilpädagogik. Diese beiden Interessen führten mich zum IHW und schließlich nach Chennai ins Life Help Centre (LHC). Wegen meiner geringen Erfahrungen im Umgang mit Kindern mit geistiger Behinderung absolvierte ich vorab ein Praktikum an der Rurtalschule in Heinsberg Oberbruch. Auf den Aufenthalt in Indien bereitete ich mich mit Hilfe von Büchern und Filmen vor.

Im Juli 2005 wurde ich am Flughafen in Chennai herzlich von meinen indischen Kolleginnen empfangen. Bei der abenteuerlichen Autofahrt zum LHC bekam ich einen ersten Eindruck vom Verkehrschaos auf Chennais Straßen: Es herrschte ein Gedränge zwischen Bussen ohne Fensterscheiben, Share Autos (dreirädrige Taxen), Autos, Fahrrädern, Fußgängern und Kühen. Kommunikationsmittel war die Hupe und Überholverbot gab es trotz drohendem Gegenverkehr nicht. Dabei habe ich so manche Todesangst ausgestanden. Im ruhigen und sauberen LHC angekommen, fühlte ich mich wieder sicher und wie in einem kleinen Paradies.

Der Leiter des LHC gab mir eine Woche Eingewöhnungszeit, denn auch in meinem neuen Zuhause machten mir Zeitumstellung, Hitze und Moskitos zu schaffen. Die Gespräche mit meinen neuen indischen Freundinnen über wichtige Themen wie Religion und arrangierte Ehe waren höchst interessant, aber zunächst auch anstrengend wegen der für mich noch ungewohnten Aussprache des "indischen Englischs". Doch nach einiger Zeit verstand ich es immer besser, rollte schon selbst das "r" und übernahm unbewusst die tamilische Betonung.

Die Arbeit im LHC machte mir viel Spaß. Nachdem ich in allen schulischen Einrichtungen hospitiert hatte, setzte ich meinen Schwerpunkt in der Schule für Kinder mit geistiger Behinderung. Dort arbeitete ich hauptsächlich mit einer Sonderpädagogin zusammen. Anfangs half ich einzelnen Kindern im Unterricht. Bei meinen späteren Unterrichtsversuchen übersetzte die Kollegin z. B. Liedtexte oder Geschichten ins Tamilische, da die Kinder kaum Englisch verstanden. Außerdem berieten wir uns mit mehreren Lehrerinnen über Methoden im Matheunterricht und stellten selbst Materialien her. Nachmittags unterhielt ich mich mit anderen Angestellten des LHC. Überall wurde ich freundlich empfangen und wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Dabei waren die indischen Kollegen/-innen über jedes tamilische Wort von mir begeistert. Abends schrieb ich oft Berichte an das IHW über die Arbeit im LHC und andere Erlebnisse meines Alltags in Chennai. Auf diese Weise konnte ich meine Freunde in Deutschland informieren und gleichzeitig meine Erfahrungen als einzige weiße Frau verarbeiten. Die Menschen im LHC gewöhnten sich schnell an mich. Das anfängliche Bestaunen und Anfassen meiner hellen Haut wurde immer weniger und meine Freundinnen sahen mich nicht mehr als Fremde. Das war das schönste Kompliment, das mir in den fünf Monaten gemacht wurde. Nur wenn wir z. B. zum Tempel gingen und die anderen Leute mich anstarrten, wurden sie sich wieder meiner anderen Hautfarbe und Herkunft bewusst.

Nach einiger Zeit traute ich mich auch allein an den Strand und ging in voller Bekleidung ins Wasser oder fuhr mit den überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zum Shoppen indischer Kleidung, Schmuck und MusikCDs. So denke ich erinnere ich mich heute gerne an meine Arbeit im LHC und die Freizeit in Chennai.